Drei Situationen, ein Muster.
Psychische Erkrankung zeigt sich selten zuerst in der Arztpraxis. Sie zeigt sich im Alltag: dort, wo gerade niemand hilft.
„Der Brief vom Amt liegt seit Wochen ungeöffnet da. Duschen, einkaufen, Termine, alles fühlt sich an wie ein Berg. Und der nächste Termin beim Psychiater ist in elf Wochen."
„In der Klinik war der Plan klar: Therapie, Struktur, feste Zeiten. Aber zu Hause fragt niemand, wie es wirklich läuft und die Angst kommt zurück, sobald die Wohnungstür zugeht."
„Ich rufe jeden Tag an. Ich fahre hin, wenn es kippt. Ich bin Tochter, Krisendienst und Pflegekraft in einem und niemand fragt, wie lange ich das noch schaffe."
Was passiert eigentlich zwischen zwei Arztterminen?
Vier Wochen sind 28 Tage. Der Facharzttermin deckt zwei davon ab. Ziehen Sie den Regler und füllen Sie die Lücke mit pHKP-Besuchen.
Für genau diese Lücke gibt es
eine eigene Versorgungsform.
Krisen sind Wellen.
Begleitung ist der feste Grund.
Bewegen Sie den Regler von „allein" nach „begleitet". Die Wellen verschwinden nicht, aber sie verlieren ihre Wucht.
Was ist ambulante psychiatrische Pflege?
Die psychiatrische häusliche Krankenpflege (pHKP) wird oft auch ambulante psychiatrische Pflege (APP) genannt. Sie ist eine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung nach § 37 SGB V. Speziell qualifizierte Pflegefachkräfte unterstützen Menschen mit psychischen Erkrankungen in ihrem eigenen Zuhause — mit dem Ziel, den Alltag wieder selbstständig zu bewältigen und Klinikaufenthalte zu vermeiden oder zu verkürzen. Sie wird ärztlich oder psychotherapeutisch verordnet; ein Pflegegrad ist nicht erforderlich.
Viele bräuchten sie. Wenige bekommen sie.
pHKP ist gesetzlich verankert, aber wenig bekannt — auch in Fachkreisen. Schwere psychische Erkrankungen sind keine Seltenheit: Die Wissenschaft geht von 1 bis 2 Prozent der Erwachsenen aus. Doch die Strukturen, um all diese Menschen zu Hause zu versorgen, fehlen vielerorts: zu wenige spezialisierte Pflegedienste, zu wenige qualifizierte Fachkräfte.
Der Engpass ist strukturell: pHKP ist nicht überall verfügbar und Plätze sind oft knapp. Umso wichtiger ist, die Leistung zu kennen und gezielt danach zu fragen.
Was passiert da eigentlich?
Die Richtlinie nennt vier Aufgaben, doch sie stehen nicht beziehungslos nebeneinander. Sie bauen aufeinander auf: von der Beziehung ganz innen bis hinaus in die Welt.
Ankommen
Begrüßung, ein kurzes Alltagsgespräch über das Wochenende, die Katze, das Wetter. Kein Verhör, kein Fragebogen. Der Einstieg gehört dem Beziehungsaufbau.
„Wie ist es Ihnen seit unserem letzten Treffen ergangen?"
„Es wird mit den Menschen gesprochen —
nicht über sie."
Wie oft mussten Sie Ihre Geschichte schon erzählen?
Damit ein Besuch so abläuft, braucht es eines: dass dieselbe Person wiederkommt. Genau das ist der Unterschied zu wechselndem Personal. Klicken Sie in beiden Spalten auf „Nächster Besuch" und vergleichen Sie selbst.
„Erzählen Sie doch erst mal: Wer sind Sie denn?"
„Erzählen Sie, ich habe Zeit."
Nicht die Diagnose allein entscheidet.
pHKP ist gedacht für Menschen, deren psychische Erkrankung das tägliche Leben so stark einschränkt, dass es allein schwierig zu bewältigen ist. Eine psychische Diagnose ist die Voraussetzung — wie viel Unterstützung nötig ist, bestimmt der Alltag: wie sehr er noch trägt.
Für Betroffene
Wenn die Erkrankung den Alltag blockiert, Termine unerreichbar macht oder die Behandlung ins Stocken gerät. Besonders hilfreich nach einem Klinikaufenthalt, oder um einen zu vermeiden. Sie müssen nicht erst „schlimm genug" sein.
Für Angehörige
Familien tragen oft jahrelang allein. Die pHKP entlastet: Eine Fachkraft teilt die Verantwortung, gibt Sicherheit im Umgang mit Krisen und bezieht Angehörige, mit Einverständnis, aktiv ein.
Für Behandelnde
Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen gewinnen verlässliche Augen und Ohren im häuslichen Umfeld: Verlaufsinfo, Krisenfrüherkennung, Adhärenzsicherung.
Bei welchen Erkrankungen?
Die Verordnung ist an Diagnosen geknüpft. Blättern Sie durch die Regelindikation und sehen Sie bei jeder Diagnose, wo die pHKP konkret ansetzen kann.
Könnte pHKP passen?
Fünf kurze Fragen, für Sie selbst oder einen Menschen, an den Sie gerade denken. Nichts wird gespeichert oder übertragen.
Gibt es eine psychische Erkrankung, diagnostiziert oder stark vermutet?
Fällt es dadurch schwer, den Alltag zu bewältigen - Tagesstruktur, Haushalt, Termine, Kontakte?
Gab es Klinikaufenthalte, oder die Sorge dass bald einer nötig werden könnte?
Fällt es schwer, Behandlungen durchzuhalten — Medikamente, Therapie, Arzttermine?
Wäre Unterstützung zu Hause vorstellbar — regelmäßiger Besuch einer festen Fachkraft?
pHKP könnte gut passen.
Mehrere Anzeichen sprechen dafür, dass psychiatrische häusliche Krankenpflege eine echte Hilfe sein könnte. Der nächste Schritt: Sprechen Sie Ihre Fachärztin/Ihren Facharzt, Psychotherapeut:in oder die Klinik-Ambulanz (PIA) direkt auf pHKP an.
Sie können auch zuerst bei einem psychiatrischen Pflegedienst in Ihrer Nähe anrufen. Die meisten beraten kostenlos und helfen beim Weg zur Verordnung.
Ein Beratungsgespräch lohnt sich.
Einige Anzeichen passen: ob pHKP das richtige Angebot ist, klärt sich am besten im Gespräch. Gute Anlaufstellen: die behandelnde Praxis, der sozialpsychiatrische Dienst Ihrer Stadt oder ein psychiatrischer Pflegedienst. Fragen kostet nichts.
Vermutlich gibt es passendere Angebote.
Nach Ihren Antworten ist pHKP wahrscheinlich nicht das naheliegendste. Wenn Sie dennoch Unterstützung suchen: Hausarztpraxis, Telefonseelsorge (0800 111 0 111, kostenlos, rund um die Uhr) oder ein sozialpsychiatrischer Dienst sind gute erste Anlaufstellen.
Wie komme ich an pHKP?
Der Weg ist kürzer, als viele denken:
Ansprechen
Sprechen Sie Ihre Fachärztin/Ihren Facharzt (Psychiatrie, Nervenheilkunde, Neurologie, Psychosomatik), Ihre Psychotherapeut:in oder die Klinik-Ambulanz (PIA) auf pHKP an. Auch Hausärzt:innen können nach fachärztlicher Diagnosesicherung befristet verordnen (max. 6 Wochen).
Psychiatrische Pflegedienste beraten vorab kostenlos und kennen die verordnenden Praxen vor OrtWer zahlt was?
Ziehen Sie den Regler auf Ihre Versorgungsdauer. Den Großteil trägt die Krankenkasse. Ihre gesetzliche Zuzahlung ist gedeckelt: 10 % nur für die ersten 28 Tage im Jahr, plus 10 € je Verordnung.
Beispielrechnung: 75 € je Einheit, 3 Einsatztage/Woche, Erstverordnung für 2 Wochen und eine Folgeverordnung für bis zu 4 Monate. Tatsächliche Sätze variieren.
Ob und wann Sie insgesamt nichts mehr zuzahlen müssen, hängt von Ihrer persönlichen Belastungsgrenze und bereits geleisteten Zuzahlungen, etwa für Klinikaufenthalte ab.
Ihre Belastungsgrenze
Die Belastungsgrenze bezieht sich auf alle geleisteten Zuzahlungen eines Kalenderjahres: z. B. häusliche Krankenpflege, Rezepte, Klinik und Heilmittel. Der Rechner zeigt, ab welchem Gesamtbetrag eine Befreiung möglich wird.
Das sind 2 % Ihres Einkommens. Ist dieser Betrag durch Zuzahlungen erreicht, sind Sie für den Rest des Jahres befreit.
Schätzung nach den Regeln 2026: Freibeträge 7.119 € für den ersten Angehörigen und 9.756 € je Kind werden vom Einkommen abgezogen. Bei Grundsicherung, Bürgergeld oder Sozialhilfe gelten feste Beträge. Die Befreiung erhalten Sie auf Antrag bei Ihrer Krankenkasse, sie geschieht nicht von selbst.
Was bringt pHKP?
Das Leitbild der modernen Psychiatrie heißt Recovery: ein gutes, selbstbestimmtes Leben, mit oder trotz Erkrankung. Die Forschung nennt fünf Dinge, die dabei wirklich helfen.
Verbundenheit
C · ConnectednessBeziehungen, die tragen: Menschen, Gruppen, Gemeinschaft. Einsamkeit ist Verstärker fast jeder psychischen Krise, Verbundenheit ihr Gegenmittel.
Was pHKP im Alltag konkret tut
Zehn typische Ausschnitte. Keine vollständige Liste, aber nah genug am Alltag, um die Arbeit sichtbar zu machen.
Gute Pflege macht sich selbst überflüssig.
Ziehen Sie durch die vier Monate einer typischen Verordnung: Die Besuche werden weniger weil die eigene Kraft wächst. Genau so ist es gedacht.
Für alle, die schon viel zu lange stark sind.
Wer einen psychisch erkrankten Menschen begleitet, ist oft Krisendienst, Pflegekraft und Therapeut zugleich. Tippen Sie eine Aufgabe an, um sie zu teilen und spüren Sie, was mit der Last passiert.
Sie sind Angehöriger, Krisendienst und Pflegekraft in einem.
Aufgaben erneut antippen holt sie zurück: Teilen ist ein Prozess, kein Schalter.
Kurz beantwortet.
Anspruch & Verordnung
Kosten & Krankenkasse
Die Besuche
Dauer & Ende
Privatsphäre & Abgrenzung
Über diese Seite
Fachlich geprüft durch die AZP — Ambulantes Zentrum für Sozialpsychiatrie GmbH iG. Grundlagen: HKP-Richtlinie des G-BA und § 37 SGB V in der geltenden Fassung. Stand: Juni 2026 — wird bei Änderungen der Richtlinie aktualisiert. Diese Seite ersetzt keine medizinische oder rechtliche Beratung. Alle Quellen im Original:
- Gesetz§ 37 SGB V — Häusliche Krankenpflege
- Gesetz§ 61 SGB V — Zuzahlungen
- Gesetz§ 62 SGB V — Belastungsgrenze
- RichtlinieHKP-Richtlinie des G-BA (§ 4, Nr. 27a)
- ÜberblickG-BA: Themenseite Häusliche Krankenpflege
- FachinfoKBV: Verordnung häuslicher Krankenpflege
- FachinfoBPtK Praxis-Info: pHKP (PDF)
- ForschungLeamy et al. (2011): Personal recovery — CHIME
- ForschungGühne & Riedel-Heller (2015): Prävalenz schwerer psychischer Erkrankungen
- StatistikDestatis: Bevölkerungsstand
- LeitlinieS3-Leitlinie Psychosoziale Therapien (AWMF 038-020)
Einen Anbieter in Ihrer Nähe finden
Ein bundesweites Verzeichnis psychiatrischer Pflegedienste ist in Arbeit. Bis dahin: Fragen Sie Ihre Krankenkasse oder den sozialpsychiatrischen Dienst Ihrer Stadt, oder suchen Sie nach „psychiatrischer Pflegedienst" plus Ihrem Ort.